Gefühlswelt & Gedanken

Deine Gedanken sind nicht die Realität!

von 14. Dezember 2020 November 3rd, 2022 4 Kommentare

Deine Gedanken sind nicht Realität!

oder

Glaube nicht, was Du denkst!

Meine Klientin erzählt mir gerade von einem Streit mit ihrem Freund. Und wie sie darüber denkt. Sie schaut mich ungläubig an, als ich ihr sage, dass ich weiß, dass sie es gerade so empfindet. Aber, dass ihre Gedanken nicht die Realität sind.

Aber genau so war es. So, wie ich es dir gerade erzählt habe! Das ist real! Warum sollen meine Gedanken jetzt nicht Realität sein? Wie meinst du das genau?

Nur weil du sie denkst, heißt es nicht, dass sie wahr sind und der Realität entsprechen. Dein Freund sieht die Sache mit ziemlicher Sicherheit ganz anders. Seine Realität ist eine andere. Obwohl ihr „denselben“ Streit hattet.

Ja, das stimmt. Da hast du wahrscheinlich recht. Er sieht es bestimmt anders. Aber, wenn er seine eigene Realität hat und ich meine, was stimmt denn dann?

Die Wahrheit ist, dass unsere Gedanken nichts mit der Wahrheit zu tun haben! Sie spiegeln nur wider, was wir fühlen. Oder andersrum. 

Zwei große, verwirrte Augen schauen mich an.

Um ihr die Verwirrung ein wenig zu nehmen, plaudere ich aus dem Nähkästchen.

Ich hatte schon einige Male Paare bei mir in Einzelsitzungen. Beide kamen wöchentlich, aber eben getrennt voneinander. In Bezug auf ihre Beziehung haben sie jede Woche genau das Gleiche erlebt. Möchte man meinen. Dieselben alltäglichen Dinge, dieselben Aktivitäten, dieselben Streitereien.

Weit gefehlt! Beide erzählten mir, wie die letzte Woche verlaufen ist und welche Meinungsverschiedenheiten es gab. Ich konnte es jedes Mal kaum glauben. Es waren immer zwei komplett unterschiedliche Geschichten. Als würden zwei Fremde mir ganz unabhängige Situationen erzählen.

Aber: Es waren Paare, die über denselben Streit gesprochen haben.

Besonders, wenn es um sehr emotionale Themen ging, war die Wahrnehmung eine ganz andere.

Unsere Gedanken spiegeln „nur“ unsere Sichtweise, unsere Interpretation der Situation wider. Nicht aber die eine, ultimative Wahrheit.

Natürlich wusste ich, dass wir Dinge immer durch unsere eigene Brille sehen. Und dass unsere Gedanken durch unsere Lebenserfahrungen, unsere Glaubenssätze und unsere inneren Muster geprägt sind. Aber nie ist mir das so gnadenlos deutlich geworden als in der Zeit, als ich mit Paaren (getrennt voneinander) gearbeitet habe. Das so deutlich vor Augen geführt zu bekommen, war sehr beeindruckend.

Im Prinzip können wir sagen, dass jede zwischenmenschliche Situation so viele Realitäten hat, wie Menschen beteiligt sind.

Jeder betrachtet die Situation aus seiner Perspektive. Und meine Betrachtungsweise wird zu meiner inneren Realität. Das wäre alles noch total okay. Von mir aus kann jeder seine eigenen inneren Realitäten haben, überhaupt kein Problem.

ABER, jetzt kommt der Knackpunkt:

Diese innere Realität ist dafür verantwortlich, wie wir uns fühlen. An der Stelle wird es recht interessant. Spätestens jetzt wird klar, warum unsere Gedanken so wichtig sind.

Kurz auf den Punkt gebracht: Unsere Gedanken spiegeln unsere Sichtweise wider, sind aber nicht real. Aber sie erschaffen unsere Realität, weil sie massiv beeinflussen, wie wir uns fühlen. Sie sind verantwortlich für unsere Stimmung.

Also: Wir denken etwas und das, was wir denken hat einen direkten Einfluss darauf, wie wir uns fühlen.

Hier mal ein ganz konkretes Beispiel.

Wenn ich denke, dass mein Partner mich betrügt (Gedanke), dann bin ich wütend, traurig oder sauer (Gefühl).

Wenn aber das, was ich denke, nicht die Realität ist, dann wird mein Fühlen von etwas beeinflusst, was nicht existiert.

Wenn mein Partner mich gar nicht betrügt (ich denke das nur), dann geht’s mir schlecht wegen etwas, was gar nicht stimmt. 

Dieses Beispiel ist recht eindeutig und klar. Das passiert uns aber ständig, oft viel subtiler und nicht so offensichtlich. Ohne, dass wir es überhaupt wahrnehmen. Mit sämtlichen Kleinigkeiten. Wenn es richtig blöd läuft, dann betrifft das nicht nur unsere Kommunikation mit anderen, sondern auch unsere innere Kommunikation.

Nämlich dann, wenn wir negative Gedanken über uns selbst haben, die dazu führen, dass wir uns selbst abwerten. Der Beginn eines Teufelskreises, der sehr zermürbend sein kann. Dann erzählen wir uns nämlich mit unseren eigenen Gedanken ständig Dinge wie zum Beispiel, dass wir nicht gut genug sind, dass wir nicht wichtig sind, dass wir nicht liebenswert sind. Und wir glauben das dann nicht nur, sondern wir fühlen uns auch noch schlecht deswegen!

So schräg das jetzt vielleicht auch klingen mag, da steckt auch ein riesiges Geschenk drin.

Denn diese Dynamik funktioniert natürlich nicht nur bei negativen Gedanken, sondern auch bei Positiven. Also, wenn ich denke, dass ich gut genug bin, wenn ich überzeugt davon bin, dass ich ein wertvoller Mensch bin, dann fühle ich mich besser, als wenn ich negative Gedanken habe.

Aber positive Dinge über uns selbst zu denken fällt uns meist schwerer als negative Dinge.

Das ist eigentlich ziemlich verrückt, oder?

Dafür gibt es gute Gründe:

1. Wir schenken Negativem viel mehr Beachtung. 

2. Wir gehen absichtlich vom Negativen aus, damit wir hinterher nicht enttäuscht werden. 

3. Wir versuchen positiv zu denken, aber wir fühlen es nicht. 

Der erste Grund liegt in unserer Natur. Für die Steinzeit-Menschen war es überlebenswichtig, schnell auf ungutes Bauchgefühl und Angst zu reagieren. Da ging es um Leben und Tod. Das war wichtiger als Spaß, Freude und glücklich sein.

Den zweiten Grund dient dem Selbstschutz. Viele Menschen leben nach der Philosophie: Ich gehe vom schlechtesten aus, dann kann ich nicht enttäuscht werden. Eine sehr verbreitete Lebenseinstellung, die aber leider nicht funktioniert. Erstens verhindert dieses „vom schlechtesten ausgehen“ nicht, dass wir enttäuscht werden. Und zweitens raubt uns diese Einstellung Energie und Lebensfreude.

Der dritte Grund ist wahrscheinlich der wichtigste. Es bringt nichts zu versuchen positiv zu denken, wenn dein Innenleben da nicht mitgeht. Wenn du dir innerlich vorsagst: Ich bin gut genug, ich bin gut genug, ich bin gut genug. Aber immer wieder kommt das kleine innere Teufelchen, das sagt: Aber das stimmt doch gar nicht. Das stimmt doch gar nicht!

Dann bringen die Versuche positiv zu denken vor allem eins: Inneren Widerstand und ganz viel Frust!

Die normale Reaktion ist, dass wir resignieren und wieder zurückgehen zu unseren alten vertrauten Gedankenmustern. Da wissen wir wenigstens, was wir haben 😉

Die spannende Frage ist also:

Wie schaffen wir es, unsere Gedanken so zu nutzen, dass sie uns stärken? Also, wie können wir uns eine innere Realität schaffen, die uns unterstützt und dafür sorgt, dass es uns gut geht?

Dafür hab ich jetzt ein paar Tipps für dich zusammengestellt:

1. Mache dir deine Gedanken bewusst!

Mach dir erst mal bewusst, was du eigentlich so die ganze Zeit denkst. Achte ganz bewusst auf deine Gedanken. Welche inneren Geschichten erzählst du dir? Stärken dich deine Gedanken, unterstützen sie dich? Oder schwächen sie dich und sorgen dafür, dass du dich klein fühlst?

Wir denken zwischen 60.000 – 80.000 Gedanken jeden Tag. Es lohnt sich also durchaus, hier mal ganz genau hinzuhören, was dein Verstand und Kopf dir die ganz Zeit erzählt.

2. Deine Gedanken sind nicht die Realität

Mach dir immer wieder bewusst, dass deine Gedanken nicht die Realität sind! Es sind deine Gedanken, nicht mehr und nicht weniger. Versuche, dich nicht mit ihnen zu identifizieren. Es sind deine Gedanken, das ist ein Teil von dir, macht aber nicht deine ganze Persönlichkeit aus!

Wenn du also merkst, du hast wieder Gedanken, die dich schwächen und dir nicht gut tun, dann sage dir:

Das sind nur meine Gedanken. Das sind Geschichten, die mir mein Kopf erzählt. Es hat nichts mit der Wahrheit zu tun. 

3. Hinterfrage deine Gedanken

Katie Byron hat eine Frage-Technik entwickelt, die dir dabei helfen kann, deine Gedanken zu hinterfragen und auf Realität zu prüfen.

Die drei wichtigsten Fragen, die du dir selbst stellen solltest sind:

1. Ist dieser Gedanke wahr?
2. Kann ich mir wirklich 100 % sicher sein, dass dieser Gedanke wahr ist?
3. Wie würde ich mich fühlen, wenn ich diesen Gedanken nicht hätte? Wie wäre die Situation ohne diesen Gedanken?

Mit diesen Fragen kannst du deine Gedanken gut relativeren. Ich finde sie sehr hilfreich.

Wenn du Lust hast, kannst du beim 3. Punkt gerne ein wenig tiefer einsteigen. Wie würdest du dich fühlen, wenn du diesen Gedanken nicht hast? Wie würdest du dich fühlen, wenn du stattdessen einen Gedanken hast, der dich stärkt und durch den du dich besser fühlst?

Wie fühlt sich das an? Wo kannst du das spüren? Lass dieses Gefühl da sein. Genieße es. Bleib ganz bei diesem Gefühl. `

Lasse dieses angenehme Gefühl größer werden. Lass es sich ausbreiten, bis du ganz von den positiven Gefühlen erfüllt bist.

4. Deine Entscheidung

Mach dir immer wieder aufs neue bewusst: Es ist deine freie Entscheidung, was du denkst.

Nicht deine Gedanken haben Macht über dich, sondern du über sie. Du bist die Chefin über deine Gedanken! Du alleine entscheidest!

So wie du auch entscheidest, wen du in deine Wohnung lässt, so entscheidest du auch, welche Gedanken in deinen Kopf dürfen.

5. Widme dich deinem Innenleben.

Wenn du viele negative Gedanken über dich selbst hast, dann wird dir das positive Denken nichts bringen, solange es in dir anders aus sieht. Es bringt nichts, dir „einzureden“: Ich bin liebenswert, wenn du dich nicht liebenswert fühlst.

Deshalb muss hier erst mal der negative Glaubenssatz (In diesem Beispiel: Ich bin nicht liebenswert) verändert werden. Solange der in dir ist, wirst du nichts Gegenteiliges denken können.

Widme dich also mal intensiv den Glaubenssätzen, die hinter deinen Gedanken stehen. Hast u Glaubenssätze in dir, die dich stärken, die dich unterstützen, die dir dabei helfen, das zu tun und das zu erreichen, was du dir wünschst?

Oder machen sie genau das Gegenteil? Sabotieren Sie dich, sabotieren Sie dein Lebensglück, sabotieren Sie deine Ziele?

Wenn du das Gefühl hast, dass deine Glaubenssätze dich sabotieren und gegen dich arbeiten, dann solltest du dringend an dieser Stelle ansetzen. Alles andere wird vielleicht kurz ein wenig Entlastung bringen, aber keine nachhaltigen Ergebnisse bringen.


Wenn du nicht weißt, wo du anfangen sollst, dann melde dich gerne für ein kostenloses Erkenntnis-Coaching bei mir. Dort können wir besprechen, was für dich die sinnvollsten nächsten Schritte sind…


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4 Kommentare

  • Ariadne sagt:

    Liebe Rosina,

    vielen Dank für diesen spannenden Beitrag. Deine Erfahrung aus der Arbeit mit Paaren verdeutlicht es so wunderbar! Mir hilft es auch immer wieder ungemein etwas Abstand zu gewinnen und erst einmal aus der jeweiligen Situation rauszugehen. So ändert sich auch die eigene Gedankenwelt wieder schneller als man denkt 🙂

    Liebe Grüße, Ariadne

    • Vielen Dank, liebe Ariadne.
      Ja, genau. Immer wieder überprüfen, rausgehen, Abstand gewinnen, die Sache drehen und wenden – dann kann man vielleicht auch andere Aspekte und Sichtweisen erkennen.
      Ein unglaublich spannendes und vielschichtiges Thema.
      Liebe Grüße, Rosina

  • sandra holle sagt:

    Was ist aber, wenn die Gedanken doch wahr sind?

    • Liebe Sandra, vielen Dank für deine super Frage. Wenn die Gedanken wahr sind, und es um etwas geht, das dich belastet oder stresst, dann kannst du an der Situation an sich arbeiten. Um konkreter zu antworten, bräuchte ich ein paar mehr Details. Wenn du magst, kannst du mir gerne eine E-Mail an mail@rosinageltinger.de mit mehr Infos schicken, dann hab ich vielleicht noch ein, zwei Tipps für dich. Liebe Grüße Rosina

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