
[Den Artikel habe ich im Juli 2025 überarbeitet]
Kennst du das Gefühl, ständig für andere da zu sein – und dabei selbst auf der Strecke zu bleiben? Viele Frauen rutschen unbemerkt in eine Aufopferungsrolle, die sie erschöpft und unzufrieden macht. In diesem Artikel zeige ich dir, wo dieses Muster oft seinen Ursprung hat – und wie du Schritt für Schritt wieder lernst, dich daraus zu befreien. Ohne Egoismus, aber mit Selbstachtung.
Hier ein Auszug aus einer Sitzung: Ich sehe die Situation ganz deutlich vor meinem inneren Auge: Ich bin 4 Jahre alt und spiele ausgelassen mit einer Freundin im Garten. Wir lachen, toben, spielen verstecken und haben riesigen Spaß. Plötzlich stolpere ich über einen Ast und falle hin. Direkt auf’s Knie.
AAAAUUUUUAAAAHHHH, das tut weh. Und es blutet auch ganz dolle. Meine Mama kommt sofort her, aber anstatt mich zu trösten sagt sie: „Ich hab dir doch gesagt, ihr sollt nicht so wild sein. Da bist du selber schuld.“ Dann schaut sie mein Knie an und sagt: „Das ist nicht so schlimm, deswegen musst du nicht weinen.“
Aber es tut doch so weh, wieso darf ich da nicht weinen? Das versteh ich nicht. Und das macht mich irgendwie gleich noch trauriger.
Echt krass! Ich hätte nie gedacht, dass ich mich so in eine Situation zurückversetzen kann, die schon über 30 Jahre zurückliegt. Ich spüre sogar die Stelle an meinem Knie, die tut jetzt gerade wirklich ein wenig weh. Echt abgefahren!
Aber was hat das jetzt damit zu tun, dass ich mich für andere aufopfere?
Der Zusammenhang ist mir noch nicht klar…
Das ist auf den ersten Blick auch nicht so deutlich erkennbar. Um den Link zum Aufopfern herzustellen, muss ich ein wenig ausholen.
Deine Gefühle wurden in der Situation nicht gesehen. Erst deine Erschrockenheit, dass du so abrupt aus dem Spiel gerissen wurdest und dann dein Schmerz.
Deine Gefühle wurden abgewertet „selber schuld“ und bagatellisiert „Ist doch nicht so schlimm“. Und immer, wenn unsere Gefühle bagatellisiert werden, passiert Folgendes:
Wir geraten in einen inneren Konflikt. Was ich fühle, passt nicht mit dem zusammen, was mir von außen gespiegelt wird.
Also muss entweder mein Gefühl falsch sein, oder das, was die Mama sagt ist falsch.
Die Eltern sind bis zum 6. Lebensjahr wie Götter für ihre Kinder. Unantastbar. Sie haben immer recht. Also kann die Mama gar nicht falschliegen.
Somit müssen meine Gefühle falsch sein. Logische Konsequenz. Geht ja gar nicht anders.
So oder so ähnlich sieht es vermutlich in dem kleinen Mädchen nach dieser Situation aus. Und dieser innere Vorgang wird bei jedem Mal nicht nur wiederholt, sondern sogar noch verstärkt.
Immer wenn Gefühle nicht gesehen, nicht wahrgenommen und nicht ernst genommen werden, läuft innerlich dieser Mechanismus ab. Jedes Mal.
Es dauert wahrscheinlich gar nicht so lange, bis das Mädchen verinnerlicht, dass ihre Gefühle nicht wichtig sind, dass sie nicht stimmen.
Und im schlimmsten Fall verinnerlicht sie nur einen Satz mit 3 Wörtern: Ich bin falsch.
Sobald sich dieser Glaubenssatz manifestiert hat, wird sich das Mädchen „nach außen“ richten. Das ist der leise Startschuss fürs aufopfern.
Das kleine Mädchen wird verstärkt danach suchen, sich das Bedürfnis nach Liebe, nach Aufmerksamkeit und nach Zugehörigkeit im Außen zu erfüllen. Wenn ich nicht wichtig bin, wenn ich falsch bin, dann muss ich etwas dafür tun, um anerkannt und geliebt zu werden. Dann muss ich was dafür tun, um dazu zugehören.
Also, fängt das kleine Mädchen an, es ihren Eltern recht zu machen.
Diese Dynamik ist oft besonders ausgeprägt, wenn der Vater fehlt. Dazu kannst du mehr in diesem Blogartikel lesen: Vaterwunde: Welche Auswirkungen hat es auf Töchter, wenn sie ohne Vater aufwachsen?
Sie ist ganz besonders brav, auch wenn sie wütend ist. Sie lacht viel, auch wenn sie traurig ist. Sie weint selten, auch nicht, wenn ihr danach zumute ist. Sie merkt schnell: Alle sind liebevoller, zugewandter und aufmerksamer, wenn sie brav und fröhlich ist.
Hier wird der Grundstein dafür gelegt, dass wir uns später für andere aufopfern.
Wir fangen an, Dinge für die anderen zu tun, obwohl wir uns nicht danach fühlen. Irgendwann merken wir das gar nicht mehr. Es wird zur Selbstverständlichkeit. Wir nehmen die anderen wichtiger als uns selbst und wir kommen zum Schluss.
Um uns selbst kümmern wir uns als Letztes – und empfinden das als ganz normal.
Uns für andere aufzuopfern empfinden wir genauso normal.
Und das fliegt uns früher oder später um die Ohren.
Entweder indem es uns nicht gut geht und wir den inneren Druck nicht mehr aushalten. Wir fühlen uns niedergeschlagen, energielos und müde.
Oder aber wir entwickeln körperliche Symptome wie Kopfschmerzen, Magenprobleme, Schlafprobleme, Zähneknirschen usw. Im schlimmsten Fall werden wir ernsthaft krank.
Eins ist sicher: Früher oder später wird es sich zeigen.
Okay, das klingt logisch. So kann das mit dem Aufopfern schon begonnen haben.
Aber das ist doch total egoistisch, wenn ich mich plötzlich um mich kümmere?
Diesen Satz höre ich an der Stelle fast immer.
Das ist auch ein Glaubenssatz, der uns oft in der Kindheit bewusst oder unbewusst eingetrichtert wurde. Meist von Menschen, die sich selbst ständig für andere aufgeopfert haben.
Nein, es ist nicht egoistisch. Ich sage nicht: kümmere dich nur um dich, und alle anderen um dich herum können dir gestohlen bleiben.
Das wäre egoistisch: Ohne Rücksicht auf Verluste dein Ding durchzuziehen.
Das meine ich nicht. Ich sage:
Stelle dich auf die gleiche Stufe wie deine Mitmenschen. Nimm die anderen nicht wichtiger als dich selbst. Du bist genauso viel wert wie alle anderen Menschen auch, nicht weniger!
Ahhhh, okay. Verstehe. Trotzdem finde ich den Gedanken komisch: Mich selbst wichtig nehmen. Das klingt schräg für mich. Auch wenn ich weiß, dass es „richtig“ ist.
Aber wie mach ich das denn überhaupt?
Super, dass du fragst. Lass uns loslegen:
Wie höre ich damit auf, mich nicht mehr für andere aufzuopfern?
Das ist wie mit den meisten Dingen im Leben: Üben, Üben, Üben!
1. Aufopfern aufhören – Im Außen
Im ersten Schritt ist wichtig, dass du ein Bewusstsein dafür bekommst, wann du dich aufopferst.
Wann tust du Dinge für andere, die du eigentlich überhaupt nicht machen möchtest? Wann tust du Dinge nur, um es anderen recht zu machen? Wann machst du Dinge, weil du denkst, es wird von dir erwartet? (Ohne zu wissen, ob es wirklich so ist.)
Zum Beispiel:
Vielleicht sagst du zu, beim Umzug deiner Freundin zu helfen – obwohl du im Moment total ausgelaugt bist. Du spürst das auch, und trotzdem sagst du ja. Nicht, weil du nicht nein sagen könntest – sondern weil da sonst ein Gefühl von Schuld oder Angst auftaucht, wenn du dich abgrenzt.
Und hier zeigt sich ganz deutlich: Nicht das Verhalten an der Oberfläche ist das Problem – sondern das, was innerlich getriggert wird.
Und genau das ist der Schlüssel zur Veränderung:
Wenn dir diese unbewussten Muster bewusst werden, kann sich was verändern und du kannst du wirklich frei wählen. Nicht aus schlechtem Gewissen heraus, sondern aus einem gesunden Kontakt zu dir selbst.
Nimm dir am besten jetzt mal 1-2 Wochen Zeit, dich hier im Alltag zu beobachten und ganz viele solcher Muster bewusst werden zu lassen.
Wichtig ist hier, zu unterscheiden: Wann opferst du dich für andere auf? Und wann hast du einfach Dinge zu erledigen, die dir keinen Spaß machen?
Wann sagst du ja, wenn du eigentlich nein sagen möchtest, dich aber nicht traust?
Wenn du magst, kannst du das auch aufschreiben. Beginne ein „Mein Weg raus aus der Aufopferung“ Tagebuch.
Und als Erstes schreibst du mal alle „Aufopferungsaktionen“ auf, die deinen Alltag begleiten.
Dann analysierst du deine Liste und übst, aus dem automatischen Aufopfern auszusteigen!
Fang am besten klein an. Such dir kleine „Aufopferungsaktionen“ aus deiner Liste raus, die du relativ einfach ändern kannst. Und wo dir der Gedanke, das nicht mehr zu machen vielleicht ein wenig Unbehagen auslöst, aber dir keine Angst macht. Und dann übe.
Als Beispiel: Wenn du immer diejenige bist, die für deine Arbeitskollegen und dich Essen holt, dann sag mal „Nein, heute schaff ich es nicht. Kann bitte jemand anders gehen.“
Wenn du eine Freundin hast, bei der immer alles nach ihrem Kopf gehen muss, und du da aber keine Lust drauf hast, dann sage „Nein, ich möchte lieber etwas anderes machen.“
Kleiner Tipp: Beginne das Wort nein zu benutzen!
Du wirst sehen, am Anfang wird sich das fremd und komisch anfühlen. Und nach ein paar Mal üben wird es dir schon leichter von den Lippen gehen. Du wirst dich auch wundern, wie positiv das von deinen Mitmenschen aufgenommen wird. Davor haben wir nämlich immer am meisten Angst, dass die anderen dann beleidigt oder enttäuscht von uns sind. Aber diese Angst ist zu 99 % unbegründet.
So übst du erst mit einfachen und unkomplizierten Dingen. Wenn dir das leicht fällt, steigerst du dich und probierst mal eine Nummer schwieriger aus. Arbeite dich durch deine Liste.
Wichtig ist, dass du dir keinen Stress und Druck machst. Mach es in deinem Tempo, so wie es sich für dich gut anfühlt.
2. Aufopfern aufhören – Von Innen
Solche Erlebnisse hinterlassen Spuren – und sie prägen, wie wir über uns selbst denken. Aus der kindlichen Sicht ergibt sich oft eine scheinbar logische Schlussfolgerung: ‚Ich bin schuld‘ oder ‚Ich bin falsch‘. Und genau diese inneren Überzeugungen begleiten uns oft unbemerkt bis ins Erwachsenenleben.
Deshalb ist es so wichtig, dass du auch in dir an dem Thema arbeitest.
Der Grund, warum du dich für andere aufopferst, liegt also möglicherweise darin, dass du das Gefühl hast,
- nicht gut genug zu sein.
- „es“ nicht verdient zu haben.
- etwas für andere tun zu müssen, um geliebt zu werden.
Oder vielleicht gibt es auch eine ganz andere Ursache.
Aber die Ursache fürs Aufopfern findest du auf jeden Fall irgendwo in dir!
Finde den wirklichen Grund, damit du das Problem an der Wurzel anpacken kannst. Denn nur so kann sich wirklich was verändern. In dir und im Außen!
Zum Beispiel: Wenn du tief in dir glaubst: „Ich bin nur liebenswert, wenn ich etwas für andere tue“, wirst du unbewusst immer wieder deine eigenen Bedürfnisse hinten anstellen. In der Innenarbeit geht es darum, solche Sätze aufzuspüren – und Schritt für Schritt durch neue, stärkende Überzeugungen zu ersetzen.
Deshalb: Stärke dich von innen, um das Aufopfern hinter dir zu lassen.
Zum Schluss habe ich noch eine wichtige Frage an dich: Weißt du eigentlich, was DU wirklich willst? Kennst du deine eigenen Bedürfnisse? Weißt du, was du wirklich brauchst, damit es dir gut geht?
Wenn wir in einem Aufopferungs-Autopiloten landen, hat das sehr gute Gründe.
Aber es gibt noch viel bessere Gründe, da jetzt auszusteigen.
Du darfst lernen, dich selbst wichtig zu nehmen – nicht mehr und nicht weniger als die anderen.
Und du darfst neue Erfahrungen sammeln: Dass du auch dann liebenswert bist, wenn du Nein sagst. Dass du dazugehören kannst, ohne dich zu verbiegen. Und dass du für andere da sein kannst, ohne dich selbst zu verlieren.
Das ist kein Egoismus. Das ist gesunde Selbstachtung.
Wenn du jetzt spürst, dass da in dir etwas in Bewegung gekommen ist und du dich weiter damit beschäftigen möchtest, dann habe ich noch mehr für dich:
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Und wenn du magst, schreib mir gerne in den Kommentaren:
Wann hast du dich das letzte Mal für andere aufgeopfert – und wie ging es dir dabei?
Ich freu mich, von dir zu lesen. 💛
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Über die Autorin: Rosina Geltinger
Ich liebe es die Wege der Seele zu ergründen. Davon bin ich schon seit vielen Jahren fasziniert. Ich finde es unglaublich spannend zu sehen, welche kreativen Wege unsere Seele findet, um uns an unsere Themen liebevoll heranzuführen.
Der Schlüssel zum Glück liegt immer in uns. Davon bin ich überzeugt. Je tiefer und besser wir uns selbst kennen, verstehen und annehmen, desto glücklicher und zufriedener können wir sein.
Dazu arbeitet ich seit über 14 Jahren mit meinen Klienten online und offline in meiner Praxis in München.
Auf meinem Blog schreibe ich zu den Themen Selbstwertgefühl, Lebensfreude und innere Ruhe.
Ich bin Heilpraktikerin für Psychotherapie, holistische Psycho-Kinesiologin, Kursleiterin für Entspannungsverfahren. Mehr über mich erfährst Du hier.