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Allgemein

Die faule Biene

By 5. März 2018März 30th, 2023No Comments

Es war einmal eine kleine Biene.

Sie ist gerade erst geschlüpft und begann die Welt zu entdecken. Sie konnte gar nicht glauben, wie unfassbar schön es auf dieser Welt war. Die Blumen, die Farben, der Geruch und dann noch dieser wahnsinnig leckere Nektar – es war einfach himmlisch hier auf Erden.

Die kleine Biene konnte sich gar nicht mehr beruhigen vor lauter Begeisterung. Und all die erwachsenen Bienen von ihrem Volk freuten sich mit ihr. Sie nannten die kleine Biene Felicitas, weil sie immer glücklich war.

Den erwachsenen Bienen wurden beim Anblick der kleinen Felicitas ganz warm ums Herz. Es machte sie selbst ganz glücklich, wenn sie sahen, mit welcher Begeisterung die Kleine die Welt entdeckte – jeden Tag aufs neue. Das ging eine ganze Weile so.

Aber irgendwann passierte etwas, was die kleine Biene nicht begreifen konnte.

Die erwachsenen Bienen erwarteten plötzlich komische Sachen von ihr. Sie solle jetzt langsam auch erwachsen werden, sagten sie. Sie muss langsam beginnen ihren Beitrag für das ganze Volk zu leisten. Sie könne nicht mehr nur so vor sich hin fliegen und glücklich sein. Das geht schließlich nicht.

Die kleine Felicitas verstand das alles nicht. Sie begriff nicht, was die Erwachsenen von ihr wollten.

Aber sie merkte, dass manche sie jetzt komisch ansehen und andere sogar sauer auf sie sind. Das gab es noch nie! Sie spürte, dass sie nicht mehr so angenommen wurde wie am Anfang. Das war besonders schmerzhaft.

Das machte der kleinen Biene Angst. Sie wurde unsicher. Sie wusste nicht mehr, was richtig war und was nicht. Sie wusste nicht, was sie tun soll. Und sie konnte sich auch nicht mehr so an der Welt und an ihrem Leben freuen.

Eines Tages rief die Königin die kleine Felicitas zu sich. Sie erklärte ihr, dass es wichtig ist, dass jede erwachsene Biene seine Arbeit verrichte. Und dass es jetzt an der Zeit ist eine fleißige Biene zu werden, wenn sie weiterhin zu diesem Bienenvolk gehören möchte. Hier sei schließlich kein Platz für faule Bienen.

Das machte der kleinen Biene gleich noch mehr Angst. Was sollte sie den tun, wenn sie verstoßen wird?

Gott sei Dank erklärte ihr die Königin ganz genau, was von ihr erwartet wird.

Und da Felicitas unbedingt bei ihrem Volk bleiben und weiter dazugehören wollte. So wurde aus der lebensfrohen und lebendigen Biene eine ganz fleißige Biene, die gar keine Zeit mehr hatte zum glücklich sein.

Sie arbeitete hart, Tag für Tag. Abends viel sie todmüde in ihre Wabe. Und am nächsten Tag versuchte sie sogar noch fleißiger zu sein. Sie wollte auf gar keinen Fall das Risiko eingehen, nicht mehr dazu zugehören.

Ganz vergessen war die Zeit, in der sie glücklich von Blume zu Blume flog. Sie bemerkt die Schönheit und den Zauber dieser Welt nicht mehr vor lauter fleißig sein.

Aber sie war trotzdem nicht unglücklich. Sie war ganz zufrieden, so wie es war. Sie konnte sich mittlerweile nicht mehr daran erinnern, dass es mal anders gewesen ist.

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Eines Tages – die kleine Felicitas ist schon sehr lange eine erwachsene, fleißige Biene – ist gerade ein neues Bienenbaby geschlüpft. Dieses Bienenbaby war wie Felicitas damals. Sie war begeistert und verzaubert von dieser Welt. Sie konnte sich den ganzen Tag über die Blumen, Gräser und Farben freuen. Sie war verspielt, wild und voller Tatendrang.

Und alle Erwachsenen freuten sich mit dem neuen Baby. Sie sahen ihr zu, lachten, klatschen sich in die Flügel, und freuten sich, dass die Kleine sich so freuen kann.

Außer Felicitas. Sie freute sich nicht.

Ganz im Gegenteil. Sie wurde traurig. Sehr traurig sogar. Und wütend. Sie war richtig sauer auf die neue kleine Biene.

Felicitas konnte sich nicht erklären, was mit ihr los war. Sie hatte das Gefühl, dass sie jetzt eine böse, alte und verbitterte Biene wird. Das wollte sie nicht. Aber ihr Gefühle konnte sie nicht leugnen.

Sie freute sich nicht mit der kleinen Biene. Ganz im Gegenteil: Sie hasste sie. Und sie hasste es, dass die anderen Erwachsenen sich so mit der kleinen Biene freuten. Was soll das denn, dachte sich Felicitas. Und fühlte sich unglaublich so schlecht deswegen.

Das ging eine ganze Weile so. Für Felicitas war es eine richtige Qual. Sie fühlte sich, als würde sie nicht mehr dazu gehören. Sie schämte sich für ihre Gefühle. Sie gaukelte vor, dass sie sich auch mit der kleinen Biene freute – nur damit die anderen nicht merken, was in ihr wirklich vorging. Aber das machte es nur schlimmer.

Irgendwann hielt Felicitas es nicht mehr aus. Sie ging zu Sophia, der Weisen unter all den Bienen. Sie nahm all ihren Mut zusammen und erzählte ihr, wie sie sich fühlte. Und sie schämte sich bei jedem Satz, bei jedem Wort. Sie fühlte sich grauenvoll.

Doch wider erwarten reagierte Sophia unglaublich verständlich und liebevoll. Jetzt war Felicitas erst recht verwirrt.

„Felicitas, das ist total verständlich“, sagte Sophia, die weise Biene. „Ich weiß warum du dich so fühlst. Du warst genauso, wie die neue kleine Biene. Du warst genauso voller Glück und Begeisterung für die Welt. Du warst lebendig, verspielt, neugierig und wild.

Aber als es darum ging, zu den fleißigen Arbeitsbienen zu gehören, hast Du all das von einem Tag auf den anderen aufgeben müssen. Du hast alles lebendige, verspielte und wilde in dir verdrängt, damit du funktionieren konntest. Damit du fleißig sein konntest. Von einem auf den anderen Tag. Und du hast dich nie darüber beschwert. Und ich glaube, du hast sogar niemals mehr wieder darüber nachgedacht.

Die neue kleine Biene erweckt diese ursprünglichen Gefühle wieder in dir. Du merkst, was du alles aufgeben musstest, um eine Arbeitsbiene zu werden.

Du spürst wieder die Lebendigkeit und das Verspielte in dir. Es war nie weg, du hast es nur verdrängt. Aber das alles hätte keinen Platz mehr in deinem Leben. Und deshalb bist du traurig, und wütend und sauer.“

Felicitas hörte gespannt zu, was die weise Biene zu sagen hatte. Das klingt alles so logisch, und sie spürte in sich, dass es stimmte. Aber das half ihr jetzt auch nicht weiter.

„Na toll, und wenn es wirklich so ist. Was soll ich dann jetzt tun, Sophia?“ fragte Felicitas. „Ich kann ja nicht plötzlich aufhören zu arbeiten, und mit der kleinen Biene einfach nur sinnlos von Blume zu Blume fliegen, damit es mir wieder besser geht.“

„Warum nicht?“ grinste Sophia.

„Nein, im Ernst. Das musst du doch gar nicht. Ich habe eine andere Idee. Wie wäre es denn, wenn du nicht mehr jeden Tag versuchst, noch fleißiger und noch fleißiger zu sein?“ sagte Sophia. „Du könntest weiterhin eine fleißige Biene sein, und dir trotzdem Zeit nehmen um die Welt zu genießen. In der Zeit könntest du mit der kleinen Biene zusammen sein, und von ihr wieder lernen, was du unter solchen Qualen aufgegeben hast. Ich sage nicht, dass du eine faule Biene werden musst. Aber eine gute Mischung, eine gute Balance – das wäre doch was!“

„Hmmmmm“, überlegte Felicitas, „das hört sich gut an. Das lass ich mir mal durch den Kopf gehen“. Und verabschiedete sich voller Dank von der weisen Biene.

Felicitas hat lange drüber nachgedacht, was die weise Biene ihr geraten hat. Und hin und wieder holte sie sich nochmal Rat bei ihr.

Und danach fing sie langsam an, nicht mehr ganz soviel zu arbeiten. Sie nahm sich die Zeit, selbst die Welt wieder zu genießen. Manchmal mit der neuen kleinen Biene, und manchmal auch ganz alleine.

Das tat ihr unglaublich gut, und ganz langsam kehrte ihre Lebensfreude und Lebendigkeit wieder zurück.

Und sie merkte erst dann, wie sie all das über die Zeit hinweg eigentlich verloren hatte.

Sie war trotzdem noch immer ein fleißiges Bienchen, und eben auch ein verspieltes, lebendiges Bienchen – wer sagt denn, dass nicht beides zusammen geht? Eine gesunde Balance – darauf kommt es an, flüsterte mir die kleine Biene zu.

Rosina Geltinger, Heilpraktikerin für Psychotherapie,
psychologischer Coach, Kursleiterin für Entspannungsverfahren

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Über die Autorin: Rosina Geltinger

Viele Jahre meines Lebens ging es mir genauso wie der Biene Felicitas.

Gott sei Dank weiß ich mittlerweile: Es geht auch anders.

Wir können ein Teil der Gesellschaft sein, ohne uns vollkommen für diese aufzuopfern und uns aufzugeben. Wir, unsere Wünsche, Bedürfnisse und Gefühle müssen nicht zu kurz kommen, um für die Gesellschaft wertvoll zu sein. Ganz im Gegenteil.

Das ist ein großer Teil, den ich immer wieder mit Klienten in meiner Praxis bearbeite. Mehr Infos zu mir findest Du hier: https://rosinageltinger.de/ueber-mich.

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